Standard-Übungen: 50/50-Chance bei deinen Schmerzen

Die schlimmste und prägendste Erfahrung meines Lebens – dreimal direkt hintereinander

Warum die üblichen Schema-F Übungen ein Riesenproblem in der Physiotherapie sind

Erstens: Mein Unfall

Ich war 14. Mein erster Skateboard-Unfall. Mein erster Fußbruch.

2,5 Stunden Wartezeit im Krankenhaus. Jedes Mal, wenn ich auf einem Bein gehüpft bin, ist der andere Fuß einfach weggeklappt. Ich konnte ihn nicht halten.

Die Nacht nach der OP wurde die schlimmste meines bisherigen Lebens und ich konnte nicht schlafen vor Schmerzen.

Zweitens: Der Kack-Arzt

Am nächsten Morgen: Visite.

Eine Menge Ärzte stehen um mein Bett herum. Keiner redet mit mir. Aber alle reden über mich. Wie eine Fleischbeschau. Ich krieg keine Infos wie’s gelaufen ist, was eigentlich los ist. Dann trotten sie alle nacheinander weg.

Einer bleibt stehen. Dreht sich um. Fragt: „Achja, wie geht’s dir denn eigentlich?“

Endlich. Endlich fragt mich mal jemand.

Ich erzähle von den Schmerzen. Dass ich kaum schlafen konnte. Dass es fast nicht auszuhalten ist.

Er schaut mich an. „Hab dich nicht so. Das kann gar nicht so weh tun.“ Dreht sich um und geht.

Das hat sich in mein Gedächtnis eingebrannt. Dieses Bild und die Situation werd‘ ich nie vergessen.

Drittens: Die (nette, aber) dilettantische Physio

Ein paar Tage später kommt die Physiotherapeutin. Sie übt mit mir mit Krücken zu gehen. Das ging schnell.

Dann gibt sie mir Übungen. Theraband-Übungen. Ich denke noch: Ob ich wohl Übungen für meinen Fuß bekomme – wie soll das gehen?

Sie zeigt mir 3-4 Übungen. Im Bett liegend. Für meine Arme.

Ich hatte einen Fußbruch. Als 14jähriger ist es mir eh ziemlich egal, die Übungen werd‘ ich eh nicht machen. Aber mal ehrlich. Sie gibt mir Übungen für den Oberkörper…?

Und die Nachbehandlung? Reha? Physiotherapie? Standardsatz den wir laut meiner Mutter zu hören bekamen: „Der ist 14 Jahre alt. Das regelt sich schon von selbst.“

Kleiner Fun Fact am Rande: Kein Schwein sagt mir übrigens im Krankenhaus, dass ich den Fuß hochlegen soll. Als mein Hausarzt bei der Nachuntersuchung ins Behandlungszimmer kommt und den tiefblauen Fuß im Gips sieht, fällt er aus allen Wolken…

Die zwei wichtigsten Erkenntnisse

Das war 1995. Neben den prägenden Schmerzen sind es vor allem zwei Erkenntnisse, die ich nie vergessen habe.

Nummer 1: So wollte ich nie mit Menschen, also später mit Patienten, umgehen. Nie über sie reden, statt mit ihnen. Nie ihre Schmerzen abtun.

Nummer 2: Alle kriegen dieselben Übungen. Egal, was das Problem ist. Das kann’s nicht sein.

Ja, es ist besser geworden. Es wird mittlerweile wenn’s hochkommt 5 Minuten mehr geredet. Dafür werden aber auch 10.000 Anschläge mehr zur Dokumentation im Ein-Finger-System und mit gesenktem Blick in den Computer gehackt. Während man als Patient stumm da sitzt und zuschaut.

Eins ist sehr, sehr positiv: Vor allem gibt es heute strukturierte Reha-Pläne.

Aber zwei Sachen sind geblieben:

  1. Alle kriegen dieselben Standard-Übungen.
  2. Die Übungen sind oft nicht zielführend.

Das Extrembeispiel war mein Oberkörper-Theraband bei einem Fußbruch. Und klar, das kann schon auch erstmal wichtig sein. Dass man sich drum kümmert, dass man nicht zu viel Muskelmasse an anderen Stellen abbaut, weil man sich halt nicht genug bewegen kann.

Aber das Prinzip? Das läuft immer noch so.

Viel hat sich verändert, aber eines bleibt: Die Standardübungen

Nach 16 Jahren in der Trainingstherapie kann ich dir eins sagen:

Standard-Übungen haben bestenfalls eine 50/50-Chance zu funktionieren. Weil entweder verfehlen sie schon von Haus aus das Thema wie in meinem Beispiel. Oder sie sind nicht zielführend, weil etwas viel grundlegenderes fehlt. Was das ist – mehr gleich dazu.

Entscheidend ist: Trotzdem bekommt sie jeder. Und wenn’s nicht hilft – dann bist du schuld.

Klassische Beispiele: Theraband-Übungen, Core-Übungen und Beinpresse

Egal ob Knie, Schulter oder Rücken – fast jeder kriegt die gleichen Null-acht-fünfzehn-Übungen.

Die Symptome sind zwar gleich, aber die Ursachen völlig unterschiedlich.

Es ist klar: Wenn jemand sein ganzes Leben nur auf der Couch gesessen hat und plötzlich anfängt sich zu bewegen, wird’s besser. Logisch.

Aber was ist mit dem aktiven Menschen, der sich eh regelmäßig bewegt oder schon viel Sport macht? Noch mehr generisches Training bringt da oft gar nichts.

Worauf es wirklich ankommt

Was vernachlässigt wird: Die individuelle Biomechanik. Von wo aus startet derjenige? Wie sieht seine Haltung aus?

Beispiel: Wenn das Becken schon mit einer Rotation nach rechts steht, kann der Körper beim Gehen die Range of Motion nach links gar nicht komplett nutzen.

In 0,6 Sekunden (so lange dauert ein Schritt) hat dein Körper keine Zeit, die fehlende Bewegung nachzuholen.

Einfach nur Beintraining zu machen kann funktionieren – oder eben nicht. Klassische Kniebeugen können helfen, keine Veränderung bringen oder es sogar schlechter machen.

Das Problem: Wenn das Nervensystem vorher schon ein Problem hat und die Muskelansteuerung nicht optimal ist, kannst du noch so viele Kraftübungen machen – es wird trotzdem nicht besser.

Der Körper kann die Übung gar nicht richtig verwerten.

Dementsprechend muss man sich erst um die Ansteuerung kümmern.

Die Evidenz-Religion – und warum die Schuld beim Patienten landet

Einerseits haben wir massive Fortschritte gemacht. Wir wissen viele Details, die wir vor 5, 10, 15 Jahren noch nicht wussten. Aber:

Evidenzbasierte Medizin ist Segen und Fluch zugleich.

Klassisches Beispiel: Früher hat man alles ruhig gestellt. Sogar eingegipst, wenn Leute umgeknickt sind. Heute wissen wir: Sofortige, aber auch sinnvolle, Belastung ist viel wichtiger für die Regeneration.

Es gab massive Fortschritte allein in den letzten 10-20 Jahren. Die Nachsorge nach Verletzungen und OPs wird immer besser.

Aber: Evidenzbasierte Medizin wird teilweise wie eine Religion behandelt.

Es zählt nur das, was mit einer Studie belegt wurde. Wobei „belegt“ auch schon witzig ist – es gibt keine Belege. Es gibt Wahrscheinlichkeiten. Korrelationen. Zusammenhänge.

Aber keine Kausalzusammenhänge.

Trotzdem wird es wie der heilige Gral vor sich hergetragen: Wenn etwas nicht evidenzbasiert ist, kann es nichts bringen. Das sind dann alles nur „Anekdoten“ und „persönliche Erfahrungen“.

Was mich sauer macht

Wenn evidenzbasierte Anwendungen nicht funktionieren, wird der Patient dafür verantwortlich gemacht.

Ich hab oft genug Geschichten aus erster Hand erzählt bekommen über Ärzte, die richtig ätzend werden zu ihren Patienten.

Ich hatte mal eine Patientin – super nett, um die Mitte/Ende 50 – die stand im kleinen Trainingsraum mit dem Laufband bei meinem früheren Job mit Tränen in den Augen vor mir, als sie mir von ihrer Reha kurz zuvor erzählte.

Sie: „In der Reha war’s so schlimm. Ich hab‘ nicht die Fortschritte gemacht, die der Arzt von mir erwartet hat. Der hat mich so rund gemacht, ich bin da heulend rausgegangen an dem Tag.“

Der Arzt hat ihr richtig krätzig die Schuld zugeschoben: „Sie machen nicht genug. Sie sind einfach zu faul.“ Und ich gebe hier nur die entschärfte Variante wieder. Alles nur deshalb, weil die Range of Motion in ihrem Knie nicht dem entsprach, was er sich vorgestellt hat. Genauer gesagt: Was in den Richtlinien steht…

Immer noch tief davon getroffen meinte sie zu mir: „Ich habe alles gemacht, was die von mir verlangt haben. Und sogar noch mehr.“ Und ich kann bestätigen: Sie zählte zu den richtig Fleißigen bei uns in der KGG (= Krankengymnastik am Gerät).

Aber es hat nicht funktioniert. Das lag nicht an ihr. Sondern, dass die Maßnahmen nicht für sie gepasst haben.

Und das nervt mich extrem. Die Schuld wird weggeschoben. Viele Ärzte und Therapeuten haben nicht die Eier sich da zu reflektieren und was zu ändern. „Das muss ja funktionieren. Es ist ja evidenzbasiert.“

Das geht mir auf den Arsch.

Was man bedenken sollte

Medizin ist immer eine empirische Wissenschaft. Eine Erfahrungswissenschaft.

Viele Anwendungen basieren darauf, dass man Sachen probiert hat, geschaut hat, ob es funktioniert, und dann weitergemacht hat.

Man versucht sich da irgendwie zu flüchten in irgendwas Naturwissenschaftliches. Aber wir sind keine Maschinen. Das lässt sich nicht alles mathematisch berechnen.

Ja, Doppelblindstudien sind super. Ja, man kann Wahrscheinlichkeiten ausrechnen. Ja, da gibt’s Hinweise, dass Zusammenhänge bestehen. „Signifikante Hinweise“, wie es so schön heißt.

Aber es ist nicht die alleinig seligmachende Herangehensweise.

Das Problem mit Hoffnungen

Als Therapeut bin ich verpflichtet wo es nur geht zu vermeiden, den Patienten falsche Hoffnungen zu machen. Ärzte und Heilpraktiker haben sogar das ausdrückliche Verbot Heilsverprechen abzugeben. Oder auch nur in geringstem Maß den Eindruck zu erwecken, dass ihre Methoden auf jeden Fall, bei allen und immer funktionieren.

Wenn Patienten im Vorfeld Hoffnungen gemacht werden – „Die OP Methode funktioniert am besten“ oder „Das funktioniert für die meisten laut Studienlage“ – und dann funktioniert’s nicht…

Dann gibt’s da natürlich auf den ersten Blick nichts anderes, was man noch machen könnte. Und doch gäbe es noch so viel. Aber das wird erstmal nicht für voll genommen.

Das Problem mit der „Schul“medizin:

Eigentlich gibt’s den Begriff ja gar nicht. Es gibt nur Medizin oder nicht Medizin. Lassen wir die andern sich darum streiten, ich denke du weißt, was ich damit meine.

In unserer Gesellschaft ist das gang und gäbe: Die Schulmedizin ist die ultimative Lösung. Alle glauben an die Wirkung von Pillen, Spritzen und Operationen. Selbst wenn es Placebos sind: es funktioniert in vielen Fällen. Aber oft genug halt auch nicht.

„Ja, dann probieren wir halt mal die „konservative“ Schiene, ein paar Übungen, ein bisschen Naturheilkunde oder irgendwelche Alternativen. Und wenn das nicht funktioniert, nehmen wir die einzig wahre Medizin her. Spritzen und OPs. Das funktioniert dann auch.“

Aber das stimmt einfach nicht.

Meine Erfahrungen zeigen: Spritzen helfen meist nur kurzfristig und von mal zu mal weniger, OPs gehen auch oft genug nach hinten los. Es gibt keine Garantie.

Was noch schlimmer ist: Wenn OPs als erstes Go-To verwendet werden. Erstmal was wegschneiden, statt es erstmal anders zu versuchen.

Das Problem mit „anders versuchen“

Mache ich was Individualisiertes? Oder mache ich was Standardmäßiges?

Standard heißt: Ich nehme das, was laut Studienlage für den Durchschnitt der Menschen am besten funktioniert hat.

Aber nicht jeder Mensch ist Durchschnitt. Dementsprechend wäre es wichtig, individuell zu arbeiten.

Aber trotzdem bekommen alle das Gleiche: Die klassischen Core-Übungen. Die klassischen Theraband-Übungen. Die klassischen Beinpresse-Übungen.

Und dann wundert man sich, wenn man monatelang das Gleiche macht, aber es nicht funktioniert. Und man trotzdem daran festhält.

Statt etwas zu ändern.

Ähnlich wie bei alten Verletzungen – wenn die Ursache woanders liegt, bringt Standard-Training oft nichts.

Aber der große Elefant im Raum ist der: Es fehlt einfach die Zeit. Und somit auch das Geld. Individuell mit den Leuten zu arbeiten ist zeitintensiv – wenn man alle Faktoren berücksichtigen, testen und dann auch behandeln will… das dauert einfach. Selbst bei einem unterdurchschnittlichen Stundenlohn und in Gruppensettings fürs Training ist das mit unserem maroden Gesundheitssystem einfach nicht zu stemmen.

So ehrlich muss man sein. Ich bin froh, dass wir das haben in vielerlei Hinsicht. In diesem Aspekt wird es leider schwierig.

Jetzt könnten wir stundenlang über Eigenverantwortung reden. Aber letztendlich hast du’s bis hierher geschafft, dir mein Geschwafel reinzuziehen – bei so einem Motivationsgrad und derartigen Frustrationstoleranz geh‘ ich einfach mal davon aus, dass du das eh schon für dich verstanden hast :)

Warum Standard-Übungen trotzdem oft funktionieren

Damit es jetzt nicht noch mehr ins Negative abgleitet, möchte ich auch noch betonen, dasss Standard-Übungen auch absolut ihre Berechtigung haben. Es gibt viele Protokolle mittlerweile. Viele Hinweise darauf, dass konservative Therapie mit bestimmten Protokollen genauso gut funktioniert wie Operationen.

Es nicht zuallererst so zu versuchen wäre auch nicht sonderlich klug. Es klappt ja auch in vielen Fällen.

Ein entscheidender Faktor warum es klappt: Wenn die Leute sowieso nicht so aktiv waren bzw. sind.

Dann funktionieren die Standard-Übungen.

Wenn man bei 0 startet, ist die 1 die Offenbarung

Das Level ist niedrig:

Wenn ich jemanden, der sein Leben lang auf der Couch gehockt ist, dazu bringe, dass er sich endlich mal bewegt – dass er einen Muskel in eine Position bringt, in der er das so gut
wie nie macht – wird es natürlich einen Effekt haben.

Eine Dehnung der Brustmuskulatur. Eine Dehnung der Oberschenkelrückseite. Solche Geschichten.

Wenn das Level sowieso niedrig ist, wird jedes Training erstmal einen grundsätzlichen Push geben und das Ganze verbessern.

Aber was, wenn ich schon bei 1 bin?!

Dann kommt der Deckel drauf:

Irgendwann ist ein bestimmtes Grundniveau erreicht. Und dann bringt mehr vom selben nichts mehr.

Das gilt auch für Athleten: Wenn die bisher nur random irgendwie Sport gemacht haben, ab und zu mal trainiert haben – kurz gesagt: eben KEIN fokussiertes und spezifisches Krafttraining für ihre Beschwerden gemacht haben. Und sie fangen dann an, gezielt Sachen dafür zu trainieren, wird’s am Anfang vielleicht sogar erstmal besser.

Aber wenn ich das Ganze weiter denke:

Wenn ich einen sportlichen Menschen habe, der eh schon viel macht, bringt eine zusätzliche Übung nur spiegelverkehrt relativ wenig.

Wenn ich einen Sportler habe, der eh schon mit Freihanteln trainiert – Kniebeugen, Deadlifts – und ich gebe ihm dann die Beinpresse als das selig machende Werkzeug an die Hand…

Dann werden da kaum Veränderungen stattfinden. Weil derjenige halt schon ein Grundniveau hat.

Wo Standard-Übungen ihre Stärken haben

Sie haben eine gezielte Struktur. Die hat sich erwiesen. Wenn sie funktioniert, funktioniert sie richtig.

Es geht um gezieltes Training. Nicht um random sportlich sein.

Wo es sinnvoll ist:

Wenn ich jemanden habe, der schon trainieren geht, aber das Ganze nicht richtig strukturiert hat.

Deswegen frage ich immer gezielt nach: „Was machst du denn da genau?“

Dann kommt ganz oft raus: Derjenige macht zwar gute Übungen, aber in der Trainingsplanung, in der Periodisierung, in der Trainingssteuerung macht er grundlegende Fehler.

Typische Fehler:

  • Einmal die Woche reicht nicht: Ein Reiz im Krafttraining muss regelmäßig gesetzt werden. Innerhalb von 48 bis 72 Stunden sollte EXAKT derselbe Reiz nochmal kommen.
  • Split-Trainingspläne falsch gemacht: Push, Pull, Beine, Kondition – und dann in der nächsten Woche wiederholen. Aber so wird derselbe Muskel nur einmal pro Woche trainiert. Da werden
    kaum Fortschritte stattfinden.
  • „Ich mache ja schon genug Sport“: Ich gehe mit dem Hund spazieren. Ich steige jeden Tag Treppen. Ich mache jeden Tag Sport.

Aber das ist kein gezieltes Training.

Es gibt einen Unterschied zwischen Sport machen und gezieltem Training.

Wenn’s am einen Tag 50 Treppen sind, am nächsten Tag 200 – nie gleich strukturiert – ist das kein Training.

Was fehlt: Die individuelle Biomechanik

Natürlich hat jeder Mensch die gleichen anatomischen Voraussetzungen. Oder ähnliche.

Aber: Es gibt unterschiedliche Startpositionen. Deswegen ist Haltungsanalyse aus meiner Sicht so wichtig.

Das Missverständnis:

In der Physiotherapie wird die Haltungsanalyse entweder geliebt und über-praktiziert, also zu viel rein interpretiert. Oder sie wird belächelt oder verteufelt.

Die eine Seite sagt: „Haltung hat nichts mit Schmerzen zu tun. Totaler Schwachsinn.“

Die andere Seite sagt: „Das ist das einzig Seligmachende. Wir müssen bestimmte Übungen machen, um die Haltung zu verändern.“

Ich stehe irgendwo dazwischen.

Was ich NICHT sehe:

Sowas wie isoliert das Upper-Cross-Syndrom nach Janda ohne zu Hinterfragen anzunehmen. Wenn jemand einen Rundrücken hat, die Brustmuskulatur zu dehnen und die Rhomboideen zu kräftigen.

Das mag bei manchen funktionieren. Aber das ist viel zu einfach gedacht.

Aber:

Wenn man sich zu Beginn der beruflichen Laufbahn erstmal damit zu beschäftigt, lässt es einen zumindest mal darüber nachdenken, dass da Zusammenhänge bestehen.

Wladimir Janda war da ein Vorreiter. Man kann sich auch Anatomy Trains von Tom Myers anschauen. Wie die einzelnen Muskelketten und Faszienketten miteinander zusammenarbeiten.

Aber das ist alles auch zu sehr vereinfacht.

Die andere Seite:

„Haltungsanalyse ist Bullshit. Haltung korreliert nicht mit Schmerzen.“

Ja, es mag sein, dass es da Studien dazu gibt.

Aber: Wenn jemand mit einer bestimmten Haltung zu mir kommt und sagt, er hat Probleme in diesem Gelenk, schaue ich mir das natürlich genauer an.

Und dann finde ich es eine Frechheit, dem ausreden zu wollen, dass seine Haltung damit gar nichts zu tun hat.

Wenn er selber den Verdacht hat. Wenn er das Gefühl hat, dass da ein Zusammenhang bestehen könnte.

Mein Verständnis von Haltungsanalyse

Ich schaue mir an, von wo aus der Körper startet.

Wenn ich mir den Gang nach den Prinzipien von Anatomy in Motion anschaue: Im Gang mache ich in allen Gelenken immer bestimmte Bewegungen.

Wenn die Bewegung in diesem Gelenk nicht stattfinden kann – weil sie eingeschränkt ist – muss es in einem anderen Gelenk stattfinden. Kompensiert werden.

Ich schaue mir die Haltungsanalyse immer nur in Kombination mit einer Bewegungsanalyse an.

Beispiel Becken:

Ist es schon nach leicht rechts rotiert in der Grundhaltung?

Dann weiß ich: In 0,6 Sekunden kann das Becken in die Gegenrichtung nicht genauso weit drehen wie in die Richtung, wo das Becken schon steht.

Wenn ich dann beim Bewegungstest der Rotation des Beckens noch rausfinde, dass derjenige zur einen Seite weiter drehen kann als zu anderen…

Dann kann ich mir überlegen: Warum sucht sich der Körper diese Position aus als Startpunkt? Was hindert ihn an der vollen Bewegung, welche Faktoren spielen da mit rein?

Denn ich kann mir sicher sein:

Wenn ich diesen Startpunkt und eine eingeschränkte Bewegung in diesem Körperbereich habe, wirkt sich das auf die gesamten Bewegungen im ganzen Körper aus. Also auch an weit entfernten Stellen, die man da erstmal gar nicht auf dem Schirm hat.

Ob das dann Symptome zur Folge hat? Andere Frage.

Ich kann das nicht zwangsläufig miteinander in Verbindung bringen.

Aber ich weiß: Es ist ein Faktor für die Beweglichkeit im gesamten Körper.

Das Problem der vereinfachten Sichtweise „Aktivierungsübungen“

Ich habe das schon in einem anderen Artikel erwähnt – warum Übungen Schmerzen verschlimmern können.

Es gilt auch für Standard-Übungen: Eine Grundlage muss gewährleistet sein.

Das Prinzip der Muskelansteuerung. Neuromuskuläre Prinzipien.

In manchen Therapiebereichen wird das ein bisschen berücksichtigt.

Aber da wird versucht – so wie ich das auch früher gemacht habe – mit gezielten Übungen an bestimmten Muskeln eine Aktivierung hervorzurufen.

Zum Beispiel mit diesem Thema „Sleepy Glutes“. Was sehr umstritten ist. Ob es das überhaupt gibt.

Da wird versucht, über einbeinige Brückenübungen oder Einbeinstandübungen den Muskel anzusteuern.

Ich habe mittlerweile ein Problem mit diesen zu krass vereinfachten „Aktivierungsübungen“

  • Hohlkreuz = Bauchmuskeltraining: Weil die Bauchmuskeln das Becken in eine Rückkippung kriegen (Anterior Tilt vs. Posterior Tilt).
  • Sleepy Glutes = Brückenübungen: Wenn vielleicht genauso wichtig wäre, sich mal die Hamstrings anzuschauen.

Die bessere Variante:

Alternativen und das Prinzip der unterschiedlichen Gelenkpositionen

Ich bin ein großer Fan an sowas über die Grundprinzipien von Anatomy in Motion ranzugehen. Die Gelenke in eine Position bringen, in der sie keine andere Wahl haben, als dass die Muskeln aktiv werden.

Ich bringe Gelenke in eine Position, wo die Muskeln, die an dem Gelenk dranhängen, so auf Spannung gebracht werden, dass sie reflexartig aktiv werden und kontrahieren müssen.

Noch ein grundsätzliches Prinzip:

Alle Bewegungen sollten gleichermaßen auf beiden Seiten zugänglich sein. Wie beim Beispiel von oben mit dem Becken.

Und noch ein sehr interessanter Gedanke ist folgender: Wir befinden uns sowieso schon meist in einer bevorzugten Position unserer Gelenke. Nehmen wir wieder das Becken.

Viele stehen schon im leichten „Anterior Tilt“, also der Vorkippung des Beckens. Umgangsprachlich würde man sagen „stehen im Hohlkreuz“. Mag ich zwar nicht mehr so, weil es nicht wirklich stimmt, aber so kann man es sich besser vorstellen.

Nun gehen die meisten beim Krafttraining her und trainieren exakt mit dieser Beckenposition: Kniebeugen oder Deadlifts mit der Langhantel, Lunges/Ausfallschritte usw., alles immer mit möglichst „geradem“ Rücken und dem eh schon vorhandenen Anterior Tilt.

Ein kleiner Input, der mir sehr geholfen hat: Man sollte auch in verschiedenen Haltungen von bestimmten Gelenken die Kraft der zugehörigen Muskeln trainieren. Auch in denen, in welchen wir uns nicht in der „Default“-Position befinden.

Um möglichst unterschiedliche Anteile der Muskelfasern zu trainieren.

Ein Beispiel aus meiner Praxis:

Diese Übung funktioniert hervorragend, um Hamstrings in einer Position des Beckens zu trainieren, in der sie das normalerweise nicht gewöhnt sind.

Im Vergleich zu klassischen Hamstring Curls oder Brückenübungen.

Die Foam Roller Bridge. Hab ich von David Grey übernommen. Viel Spaß am Anfang mit den Waden/Hamstring Krämpfen :D

Nochmal zum Schluss: Ohne optimale Muskelansteuerung ist alles nichts

Ich weiß, ich wiederhole mich. Aber das Thema gestörte Rezeptoren und damit verbundene Muskeldysfunktionen sind mir eine Herzensangelegenheit. Weil es so offensichtlich ist, wie wichtig das ist. Und dennoch so krass ignoriert wird. Mit P-DTR und Neurokinetic Therapy kann man schauen, wie die Muskelansteuerung funktioniert.

Ob das Gehirn Probleme hat, bestimmte Muskeln optimal anzusteuern.

Das Problem:

Das wird bei Standard-Übungen gar nicht berücksichtigt. Kann es ja auch gar nicht.

Im Endeffekt wird das Pferd von hinten aufgezäumt.

Man fängt mit Kraftübungen an, obwohl die Muskeln, die man da kräftigen will, gar nicht in der Lage sind, diese Reize zu verarbeiten und optimal umzusetzen.

Dann wundert man sich, warum man Wochen und Monate lang dieselben Übungen macht und sich nichts verbessert.

Weil man gar nicht auf die Idee kommt, dass da Kompensationen stattfinden.

Dass andere Bereiche des Körpers das übernehmen, was die Muskeln machen sollten, die man trainieren möchte.

Mehr dazu, wie die Muskelansteuerung funktioniert, erfährst du im anderen Artikel.

Ein weiterer Faktor können übrigens auch Kopfverletzungen sein – wenn dein Gehirn ein Gelenk schützen will, nützt dir kein Krafttraining was.

Wie geht’s weiter: Könnte das bei dir eine Rolle spielen?

Wenn du monatelang dieselben Übungen machst und sich nichts verbessert oder du trotz der 10.000sten Übung keine Veränderungen spürst – liegt’s vielleicht nicht an dir.

Sondern daran, dass die Übungen nicht zu deiner individuellen Biomechanik passen.

Oder daran, dass die Muskelansteuerung nicht stimmt.

Falls du keinen Bock mehr hast noch mehr für dich sinnfreie Übungen zu ballern und bei deiner Therapie nicht weiterkommst, ist es auf jeden Fall einen Versuch wert, mal zu schauen, ob Standard-Übungen überhaupt das Richtige für dich sind.

OPTION 1: MACH DEN GAME-CHANGER TEST

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Buch dir einen Termin – ich teste gezielt, welche Trigger bei dir aktiv sein könnten.

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